Kurpfalz News
Lerncoaching am Kurpfalz-Internat
Sonja Mühlböck ist Lehrerin am Kurpfalz-Internat und hat sich im Bereich Lerncoaching an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe weiterqualifiziert. Sie unterrichtet Französisch, Psychologie und Latein und leitet ebenso die Projekte italienisches Kochen und Italienisch für Anfänger.
Aus der täglichen Arbeit mit Schülerinnen und Schülern entstand die Idee, neben der fachlichen Unterstützung noch stärker an einer grundlegenden Frage anzusetzen: Wie kann Lernen für den einzelnen Schüler bzw. die einzelne Schülerin besser funktionieren?
Was ist Lerncoaching?
Lerncoaching ist keine klassische Nachhilfe. Während Nachhilfe vor allem an fachlichen Inhalten ansetzt, beschäftigt sich Lerncoaching mit dem individuellen Lernprozess.
Dabei können ganz unterschiedliche Fragen im Mittelpunkt stehen: Wie organisiere ich mein Lernen? Welche Lernstrategien passen zu mir? Warum schiebe ich bestimmte Aufgaben immer wieder auf? Wie kann ich mich besser motivieren? Wie gehe ich mit Leistungsdruck um? Und wie schaffe ich es, mir realistische Ziele zu setzen und diese auch umzusetzen?
Das Ziel besteht nicht darin, Schülerinnen und Schülern fertige Lösungen vorzugeben. Vielmehr sollen sie ihre eigenen Stärken und Ressourcen erkennen und Strategien entwickeln, mit denen sie ihren Lernprozess zunehmend selbstständig steuern können.
Wie läuft ein Lerncoaching ab?
Das Coaching findet in der Regel als 1:1-Coaching in 40-minütigen Sitzungen statt.
Zu Beginn wird gemeinsam geklärt, was die Schülerin oder der Schüler verändern möchte, welche Schwierigkeiten bestehen und was bereits gut funktioniert. Darauf aufbauend werden konkrete und realistische Ziele entwickelt.
Je nach Anliegen kommen unterschiedliche Methoden zum Einsatz, beispielsweise die Reflexion der eigenen Lernbiografie, Zielarbeit, individuelle Lernstrategien, Wenn-dann-Pläne oder ressourcenorientierte Methoden, unter anderem aus dem Zürcher Ressourcen Modell (ZRM).
Ein wichtiger Bestandteil ist der Transfer in den Schulalltag: Strategien werden ausprobiert, ihre Wirkung wird reflektiert und bei Bedarf gemeinsam angepasst.
Wenn sich Lernen verändert – ein Beispiel aus der Praxis
Wie viel sich verändern kann, wenn ein Schüler beginnt, seinen eigenen Lernprozess bewusst zu gestalten, zeigte sich im vergangenen Schuljahr besonders eindrücklich.
Ein Schüler war zum Halbjahr aufgrund seiner schulischen Leistungen versetzungsgefährdet. Im Lerncoaching wurden zunächst seine bisherige Lernbiografie und seine persönlichen Stärken betrachtet. Anschließend ging es darum, Schwierigkeiten konkret zu benennen, realistische Ziele zu formulieren und passende Lern- und Arbeitsstrategien für den Schulalltag zu entwickeln.
Im Laufe der folgenden Monate gelang es dem Schüler zunehmend, Verantwortung für seinen eigenen Lernprozess zu übernehmen und die erarbeiteten Strategien umzusetzen.
Die Entwicklung zeigte sich schließlich auch in seinen schulischen Leistungen: Er konnte sich in allen Fächern verbessern und beendete das Schuljahr mit einem soliden Zeugnis. Die zuvor gefährdete Versetzung war kein Thema mehr.
Das Beispiel verdeutlicht einen wichtigen Grundgedanken des Lerncoachings: Nicht immer fehlt Schülerinnen und Schülern die Fähigkeit, erfolgreich zu sein. Manchmal fehlt ihnen vielmehr eine Strategie, mit der sie ihre Fähigkeiten tatsächlich nutzen können.
Lerncoaching über das Einzelcoaching hinaus
Neben der individuellen Begleitung können auch Workshops Bestandteil des Lerncoaching-Angebots sein.
Ein Beispiel dafür war ein Intensivworkshop zur Vorbereitung auf das mündliche Abitur, der an einem Sonntag vor den mündlichen Prüfungen stattfand.
Der ganztägige Workshop bot den teilnehmenden Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit, sich noch einmal intensiv und strukturiert auf die besondere Prüfungssituation vorzubereiten. Neben der Wiederholung und Vernetzung zentraler Inhalte standen insbesondere das mündliche Präsentieren, das spontane Reagieren auf Fragestellungen sowie der Umgang mit der konkreten Prüfungssituation im Mittelpunkt.
Mehrere Schülerinnen und Schüler konnten von dieser konzentrierten Vorbereitung unmittelbar vor ihrem Abitur deutlich profitieren.
Gerade dieses Format zeigt, dass Lerncoaching nicht nur langfristige Lernprozesse begleiten kann. Es kann Schülerinnen und Schüler auch gezielt an wichtigen Übergängen und in besonderen Prüfungssituationen unterstützen.
Warum passt Lerncoaching besonders gut zum Kurpfalz-Internat?
Die individuelle Förderung gehört zu den besonderen Stärken des Kurpfalz-Internats. Kleine Klassen, individuelle Stundenpläne, Studierzeiten und vielfältige Unterstützungsangebote schaffen sehr gute Voraussetzungen dafür, Schülerinnen und Schüler nicht nur fachlich, sondern auch in ihrer persönlichen Lernentwicklung zu begleiten.
Das Lerncoaching ergänzt diese Angebote um eine weitere Perspektive: Schülerinnen und Schüler sollen zunehmend verstehen, wie ihr eigener Lernprozess funktioniert, und lernen, diesen selbst zu steuern.
Das langfristige Ziel ist deshalb nicht, möglichst viel Unterstützung zu benötigen, sondern im Gegenteil immer selbstständiger, reflektierter und eigenverantwortlicher lernen zu können.
Lerncoaching und Künstliche Intelligenz
Auch der reflektierte Einsatz von Künstlicher Intelligenz kann Bestandteil des Lerncoachings sein.
KI soll dabei nicht das eigene Denken oder Lernen ersetzen. Vielmehr können Schülerinnen und Schüler lernen, digitale Werkzeuge sinnvoll einzusetzen – beispielsweise zur Strukturierung eines Lernplans, zum individuellen Üben, zur Erstellung von Übungsfragen, für Feedback oder zur Vorbereitung auf Prüfungen.
Damit verbindet Lerncoaching klassische Lernstrategien mit den Anforderungen einer zunehmend digitalen Lernwelt.
Abgrenzung
Lerncoaching ersetzt weder Fachunterricht und Nachhilfe noch psychologische oder therapeutische Unterstützung.
Es versteht sich als pädagogisches Beratungs- und Unterstützungsangebot, das sich gezielt mit Lernen, Motivation, Selbststeuerung und der Entwicklung individueller Lernstrategien beschäftigt.
Der zentrale Gedanke
„Lerncoaching setzt nicht erst bei der nächsten Klassenarbeit an, sondern bei der Frage: Wie kann ich lernen, dass Lernen für mich funktioniert?“
Das Ziel ist, Schülerinnen und Schüler dabei zu unterstützen, ihre eigenen Ressourcen zu entdecken, passende Strategien zu entwickeln und zunehmend Verantwortung für den eigenen Lernprozess zu übernehmen.
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